Die Mühlen Unterwasser und Mehlsecken
Auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Reiden standen einst die zwei grössten und wertvollsten Mühlen im Kanton Luzern
Spezialausstellung im Dorfmuseum Langnau-Mehlsecken-Reiden, Herbst 2025
a) Mühlen: Maschinen zur Verwertung von Getreide und Erzeugung von Geld
Mühlen, in denen unter Nutzung der Wasserkraft Getreidekörner zu Griess und Mehl zerkleinert wurden, waren in der mittelalterliche Landwirtschaft und Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Sie stellten die wichtigsten und einträglichsten Gewerbebetriebe dar und befanden sich im Eigentum von kirchlichen oder weltlichen Grundherren. Diese liessen sie durch Eigenleute betreiben oder verliehen sie an spezialisierte Berufsleute, die Müller.
Mit der Zeit gelang es den Müllern, die Mühlen entweder als Eigentum zu erwerben oder wenigstens als sogenanntes Erblehen innerhalb der Familie zu behalten. Um 1700 waren aber immer noch mehr als die Hälfte der über 100 Mühlen im Kanton Luzern im Eigentum von Grundherren, so nannte etwa das Stift Beromünster 9 Mühlen sein Eigen, darunter auch die Mühle von Mehlsecken. Dagegen war die Mühle Unterwasser damals bereits im Eigentum der Müllerfamilie Elmiger. Die Mühlen von Unterwasser und Mehlsecken bildeten die grössten und wertvollsten Landmühlen im Kanton Luzern. Sie profitierten von der Wasserkraft der Wigger und der Fruchtbarkeit des Wiggertaler Getreidebaus. Kanalanlagen mit Wehren und Prütschen sowie Mühleteiche dienten der Regulierung des Wasserstandes. Konflikte wegen der Wassernutzung mit den Bauern der Umgebung waren häufig.
Ausschnitt Wiggertal aus der Mühlenkarte von Annemarie Dubler (Müller und Mühlen im alten Staat Luzern)
Beide Grossmühlen umfassten nicht nur eine mit Mahlsteinen betriebene Mehlproduktion, sondern auch eine Stampf- und eine Reibmühle (u. a. zum Quetschen von Hanfstengeln). Gegen 1700 entdeckten die Müller den Getreidehandel als dritten Erwerbszweig neben Mühlenbetrieb und Landwirtschaft. Dies trug zusätzlich zu ihrem Reichtum und ihrer wichtigen Stellung als «Dorfkönige» bei. Ausser den 2 Grossmühlen gab es in unserer Gegend diverse kleinere Betriebe, welche die Wasserkraft für verschiedene Produkte nutzten. So existierte seit 1726 im Unterwasser eine Öltrotte für Leinöl aus Flachssamen. 1840 gehörte sie Niklaus Aecherli, der sie später mit einer Getreidemühle ergänzte.
b) Die Mühle Unterwasser
Die Getreidemühle Unterwasser war ursprünglich vermutlich im Eigentum des «Ritterhauses» (Johanniterkomturei). Alexander Elmiger. ein reicher Reider Bauer, war 1631 Eigentümer einer Stampfmühle und lieh sich 400 Gulden beim Luzerner Patrizier Heinrich Fleckenstein, vermutlich im Hinblick auf den Kauf und Neubau der Mühle mit drei Wasserrädern. Am 7. März 1649 starb Alexander Elmiger in Luzern. Seine Witwe Eva Küng nahm kurz darauf erneut Geld auf – wieder erwarb der Schultheiss Fleckenstein die Gült für 1200 Gulden – und bot 1650 die Rekordsumme von 14500 Gulden für die Mühle Mehlsecken. Der Rat (Regierung) von Luzern gestattete ihr den Kauf aber nicht, wahrscheinlich wollte er eine Zusammenballung der beiden Grossmühlen in einer Hand verhindern. Alexander Elmigers Sohn oder Enkel Ludwig Elmiger musste sich nach 1680 als Kirchmeier gegen Vorwürfe der Schuldenwirtschaft wehren. Mit Erfolg, denn zehn Jahre später wurde sein Vermögen auf 14840 Gulden taxiert. Ludwig Elmiger bekleidete wie schon Alexander das Amt eines Untervogts und war damit der mächtigste Mann in Reiden. Neben der Mühle besass er noch einen Bauernbetrieb mit 33 Jucharten (10 Hektar) Land und war der mit Abstand reichste Mann im Wiggertal. Im Amt Willisau wurde er allerdings noch durch den Müller von Briseck übetroffen, der sogar 23000 Gulden versteuerte. (Zum Vergleich: der oben erwähnte Schultheiss Fleckenstein galt mit einem Vermögen von gut 180'000 Gulden als einer der reichsten Eidgenossen seiner Zeit.)
Vermutlich noch im 18. Jahrhundert kam die Mühle in den Besitz der Familie Häfliger. Von 1840 bis 1853 kaufte Anton Häfliger seine Geschwister sukzessive aus und leitete den Müllereibetrieb allein. 1851 verzichtete er deshalb auf das Amt des Gerichtspräsidenten. Nach seinem Tod wurde die Liegenschaft versteigert. Den Zuschlag erhielten am 10. Februar 1863 die Gebrüder Theodor und Adolf Lang aus Oftringen. Sie waren vor allem an der Wasserkraft interessiert, liquidierten den Mühlebetrieb und ersetzten ihn durch eine Baumwollspinnerei.
Urkunde: Gült der Eva Küng (Staatsarchiv Luzern, GK 109/422 ), 1649
c) Die Mühle Mehlsecken
Seit dem hohen Mittelalter war das Stift Beromünster Grundherr in Mehlsecken und damit auch Eigentümer der dazugehörigen Mühle. Betrieben wurde sie zuerst von Leibeigenen, später von Lehensleuten, die dem Stift einen Zins entrichteten. Dieser blieb jahrhundertelang unverändert bei 5 Mütt (ca. 535 Liter) Roggen, drei Mütt (ca. 320 Liter) Kernen (entspelzter Dinkel) und 2 Gulden resp. 1 Mühleschwein. Um 1700 war dieser Zins wohl nur ein halbes Prozent vom geschätzten Wert der Mühle. Die Müller durften die Mühle auch weiterverkaufen, mussten dem Stift aber eine Gebühr (Ehrschatz) bezahlen.
1650 erwarb der zuvor in Buchs tätige Müller Kaspar Lütolf die Mühle für 14500 Gulden plus 100 Gulden Trinkgeld. Lütolf war unter dem Spitznamen «Käch» bekannt, was unternehmungslustig bedeutet. 1665 kaufte er auch noch die Mühle Pfaffnau für einen seiner Söhne. Die Familie Lütolf blieb 200 Jahre lang im Besitz der Mühle Mehlsecken. Um 1800 war die Mühle in schlechtem baulichem Zustand, dafür liessen die Gebrüder Lütolf ein mächtiges Wohnhaus erstellen. 1849 erwarb der Schwiegersohn und Bäckermeister Josef Arnold die Mühle-Liegenschaft an einer Steigerung und verkaufte sie schon im folgenden Jahr mit hohem Profit an den Schweinehändler Josef Bucher aus Schötz weiter. Der Verkauf machte Arnold, der in Langnau die Ämter des Gemeindeammans und -präsidenten innehatte, zum weitaus reichsten Langnauer.
Josef Bucher liess 1858 das aus Holz erbaute Mühlengebäude abbrechen und ersetzte es durch einen Steinbau. 1886-1890 war die Mühle dem eidgenössischen Fabrikregister unterstellt, weil sie mehr als zwei Arbeiter (ohne Familienmitglieder) beschäftigte. Doch 1890 musste Hermann Bucher den Getreidehandel aufgeben und Arbeiter entlassen. 1899 verkaufte er die Liegenschaft an Theodor Häfliger von Zofingen. Dieser liess die Mühle in der Folge zu einer Webfabrik umbauen.
Das um 1800 erbaute Wohnhaus des Müllers von Mehlsecken
d) Von der Mühle zum Industriebetrieb
Verbesserte Transportmöglichkeiten durch die Eisenbahn und technische Innovationen wie das Aufkommen der Walzmühlen brachten nach 1850 zahlreiche alte Mühlen zum Verschwinden. Auch die beiden Grossmühlen von Unterwasser und Mehlsecken stellten um 1865 resp. 1900 ihren Betrieb ein. Unternehmer der damals florierenden Textilindustrie aus dem nahen Aargau erwarben die Einrichtungen und bauten sie zu Fabriken um. Nachdem die Gebrüder Lang aus Oftringen 1863 den Müllereibetrieb von Anton Häfligers Erben in Reiden ersteigert hatten, bauten sie das Kanalsystem aus und erstellten eine Baumwollspinnerei. Das repräsentative Wohngebäude aus dem 17. Jahrhundert blieb erhalten. 1867 wurde der Betrieb aufgenommen, der zeitweise bis zu 180 Personen beschäftigte. Die Firma Lang und Co. trotzte dank Spezialisierung auf hochwertige Garne als Nischenprodukte für passionierte StrickerInnen der Krise der schweizerischen Textilindustrie. Bis ins Jahr 2000 hielt das Familienunternehmen am Produktionsstandort Reiden fest. Heute werden die «Yarns» (Garne) im Ausland produziert, am Standort Reiden erfolgt nurmehr ein Teil des Vertriebs. Weniger erfolgreich verlief die Entwicklung in Mehlsecken. Nach dem Kauf der Mühle musste sich der in Zofingen wohnhafte Fabrikant Theodor Häfliger-Künzli zuerst noch mit dem letzten Müller Hermann Bucher gerichtlich auseinandersetzen, bevor er 1903 mit dem Umbau zu einer Webfabrik beginnen konnte. Das Wasserrad wurde dabei durch eine Turbinenanlage ersetzt. Die Webfabrik wurde an eine Betreiberfirma (Meyer und Cie. in Zofingen) verpachtet. Wie die Firma Lang, die nach 1900 die Wasserkraft zur Stromproduktion einsetzte, war auch Theodor Häfliger im Stromgeschäft aktiv. 1906 erwarb er das Elektrizitätswerk Reiden. 1915 wollten seine Erben die Mehlsecker Anlage zu einem Elektrizitätswerk ausbauen. Nach dem Ersten Weltkrieg verkauften sie das EW Reiden an die CKW. Am 27. März 1929 brannte die Webfabrik aus und musste abgerissen werden.
Die aus der Mühle Mehlsecken hervorgegangene Textilfabrik nach dem Brand vom 27. März 1929