Am Sonntag waren in den vier Reider Museen viele staunende Gesichter zu entdecken. Die Besucher wunderten sich über die vielfältigen Sammlungen – die Verantwortlichen zeigten sich vom Grossaufmarsch überrascht.

von Emil Stöckli

Isabelle Hadorn mit einem ihrer Lieblingsbilder, der «Artistin».«Als Gast darf man hier eine spannende Zeitreise miterleben», sagte eine Besucherin im Dorfmuseum Langnau-Mehlsecken, «dabei werden viele Erinnerungen an vergangene Zeiten wachgerufen». Ähnliches erlebten die vielen Besucher auch in den Räumen der drei andern Sammlungen. Verwundert rieben sich die Besucherinnen und Besucher etwa im Luftschutzkeller des Johanniter-Schulhauses die Augen, in dem sich auf engstem Raum die Spreng-Sammlung befindet. 1969 – also vor genau 50 Jahren – schenkte der Basler Fotograf Robert Spreng der Heimatgemeinde seine 160 Kunstwerke umfassende Sammlung von Schweizer Künstlern aus dem 20. Jahrhundert. Mehr als ein Viertel der Objekte stammen von Ernst Stocker (1905–1976), der unter dem Künstlernamen Coghuf bekannt wurde. Isabelle Hadorn, die Betreuerin der Sammlung, bezeichnet jedoch das grossformatige Bild «Sommermorgen » von Cuno Amiet (1868–1961) als wohl bekanntestes Werk. Als persönliche Favoriten nennt sie die Werke «Kreuzigung» von Niklaus Stöcklin (1896–1982) und «Artistin» von Karl Heinrich Hindenlang (1894–1960). Letzteres war auch das Lieblingsbild des grosszügigen Spenders. Isabelle Hadorn traf im Verlaufe des Sonntags immer wieder auf Personen, die sich für Wissenswertes zu Werken und Künstlern interessierten. Gerne führt sie auf Anmeldung auch künftig interessierte Gruppen durch die Kunstsammlung.

Hanspeter Wyss mit Dokumenten, die an Ludwig Meyer erinnern.Reiden im Zentrum

Einen Grossaufmarsch verzeichnete auch das Musée 34 von Hanspeter Wyss. Er stellte es am internationalen Museumstag 2019 erstmals in der Öffentlichkeit vor. In den Kellerräumen seiner Liegenschaft, die 1889 von Ludwig Meyer erbaut wurde, präsentierte Wyss verschiedene Sammlungen. In diesem Gebäude betrieb der Erbauer das damals grösste Versandhaus der Schweiz. So erstaunt es wenig, dass Wyss Dokumente und Kataloge des ehemaligen Reider Unternehmens besonders schätzt. Zu seinen Lieblingsobjekten zählt auch eine Wurlitzer-Musikbox. «Sie erinnert mich an meine jungen Jahre. Oft haben wir kurz vor der Polizeistunde noch unser letztes Zwanzigrappenstück eingeworfen», sagte er mit einem verschmitzten Lächeln. Die Besucher durften sich auch über eine umfangreiche Bildersammlung «Alt Reiden» freuen, die sich im Besitze des verstorbenen Coiffeurs Hans Marfurt befand. Viel bestaunt wurden die verschiedenen Gemälde von Dick Ortelli. Wyss zeigte vom einheimischen Künstler einige typische Clown-Porträts, Bilder aus Tunesien und eine Ansicht aus Reiden. Das Musée 34 kann auf Anmeldung besichtigt werden.

Alfred Leisers Lieblingsstück: Der «Aecherli Standard».Industriegeschichte erhalten

Bruno Aecherli präsidiert den aus rund 30 Mitgliedern bestehenden Verein, der vor zwei Jahren das «Aecherli-Museum » an der Wigger eröffnete. Dank einigen Leihgaben und vielen Stunden Fronarbeit können in der ehemaligen Garderobe verschiedene Erzeugnisse der ehemals bedeutenden Landmaschinenfabrik besichtigt werden. «Uns ist es wichtig, die Tätigkeit dieser schweizweit bekannten Firma nicht in Vergessenheit geraten zu lassen», erklärt Alfred Leiser, der zusammen mit Cousin André die Idee zu diesem Museum hatte. Ohne langes Zögern bezeichnete er den rund 400 Kilogramm schweren Motormäher «Aecherli Standard», der einst als Idealmaschine für Berg und Tal angepriesen wurde, als sein Lieblingsobjekt. «Er hat eine besondere Geschichte», sagt Leiser. Die Mähmaschine mit einem 1.60 Meter breiten Mähbalken und seitlichem Messerantrieb stand nämlich über Jahre auf jener Liegenschaft in Rehetobel (AR) im Einsatz, die Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher für mehrere Millionen erwerben wollte. Die Stimmbürger lehnten aber die nötige Umzonung ab. Der «Aecherli-Mäher» wechselte danach den Besitzer und wurde vor einigen Jahren in einem Schuppen in Grub (SG) gefunden.

Heinrich Häfliger mit seinem Lieblingsbild, das die Marienkapelle zeigt.Zeitdokumente erhalten

Der Shuttlebus machte regelmässig auch vor dem alten Schulhaus in Mehlsecken halt, wo sich das Dorfmuseum befindet. In einer Sonderausstellung waren Ansichtskarten und weitere Objekte zu Langnau und Reiden zu bestaunen. Daneben weckten auch Pläne, Werkzeuge, Vereinsutensilien, Sakralgegenstände und vieles mehr das Interesse der Besucher. Für Heinrich Häfliger, auf dessen Initiative das Museum vor 14 Jahren entstand, ist das Bild des Zofinger Malers Othmar Döbeli (1874–1922) besonders wertvoll. Es zeigt die ehemalige Langnauer Marienkapelle. Eher zufällig gelang es ihm, dieses 1918 entstandene Werk für das Museum zu erwerben. «Mir ist es jedoch wichtig, dass zu all diesen Zeitdokumenten Sorge getragen wird und sie der Nachwelt erhalten bleiben», sagte er. Häfliger erinnerte sich dabei an ein Zitat des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl, das noch nichts an Aktualität eingebüsst hat: «Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten».

Willisauer Bote 21. Mai 2019